Warum sollten Kinder Märchen lesen?

Von dem Zauber der Märchen innewohnt

Manche Eltern sind unschlüssig, ob sie mit ihren Kindern Märchen lesen sollten. Sind das nicht die Geschichten mit den total veralteten Rollenbildern und den extrem drakonischen Strafen? Von deiner erwachsenen Warte aus hast Du damit natürlich recht. Märchen können aber weitaus mehr als nur Grausamkeiten und Stereotype zu transportieren. Und sie eignen sich tatsächlich als Gute-Nacht-Geschichten.

Die Weisheit von Jahrhunderten, eingefroren im Moment

Volksmärchen wurden über Hunderte von Jahren hinweg mündlich überliefert und jeweils ein bisschen der aktuellen Situation angepasst – ein wahrer Kern steckte immer darin. In Deutschland änderte sich diese fließende Verwandlung erst, als die Brüder Grimm mit sprachwissenschaftlicher Genauigkeit darangingen, die Märchen zu sammeln und festzuhalten, wie sie gerade waren – und mit der ersten Ausgabe beinahe zu scheitern. Waren die Geschichten früher nämlich gern unter Erwachsenen weitergegeben worden, wollten die Eltern nun mit ihren Kindern Märchen lesen, quasi als Gute-Nacht-Geschichte mit erbaulicher Moral.

Damit war es aber nicht allzu weit her: Viele der Märchen beinhalteten zotige oder politische Anspielungen, die für Kinder überhaupt nicht geeignet waren. Und nicht alle gingen gut aus. Die beiden Sprachwissenschaftler überarbeiteten die erste Ausgabe und veränderten auch die Märchen für den zweiten Band stark. Und siehe da: Die Bücher wurden zum Erfolg. Aber wieso?

Einfache Wahrheiten wirken für Kinder beruhigend

Wenn Du deinen Kindern ein Märchen zu erzählen beginnst, wissen sie schon relativ genau, was kommt. "Es war einmal" – und dann wird ein Held oder eine Heldin vorgestellt, unverhohlen tritt der oder die Böse auf, die Situation wird skizziert. Die Heldenperson überwindet (teils mithilfe gutwilliger anderer Figuren) die bösen Ränke, der Bösewicht wird gewaltsam bestraft, und alle leben glücklich bis an ihr Lebensende.

Während Du als erwachsene Person es als übermäßig grausam empfindest, wenn jemand bis zum Tod in glühenden Schuhen tanzen muss oder in seinem eigenen Ofen verbrannt wird, nimmt das Kinder nicht so stark mit. Schließlich haben die Bösen das so verdient. Es ist eine eigene Form von Moral, die die Kinder daraus mitnehmen: Gut gewinnt, Böse verliert. Und da jedes kleine Kind zunächst einmal von Natur aus und im wahrsten Wortsinn egozentrisch ist, setzt es sich grundsätzlich mit dem Helden oder der Heldin der Geschichte gleich. Es ist gut. Es gewinnt. Das ist beruhigend.

Diffuse Ängste lassen sich projizieren

Kinder haben leicht einmal tief empfundene Angst, die sie aber nicht richtig zuordnen können. Verlustängste etwa gehören dazu, die sie schon kennenlernen, wenn sie zum Beispiel im Supermarkt die Eltern aus dem Blick verlieren. Schon sehr kleine Kinder verstehen, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass verkleidete Wölfe Kinder und Großeltern im Ganzen verschlucken. Sie erfassen aber intuitiv die Aussage, die dahintersteckt.

Auf einer unbewussten Ebene steckt viel Weisheit in den alten Geschichten: Die plakativ Bösen sind perfekt als Leinwand für die Projektion der eigenen unnennbaren Ängste geeignet. Und wenn das Kind immer und immer wieder in der Gute-Nacht-Geschichte erfährt, dass die Bösen (und damit die Ängste) keine Macht mehr haben, trägt das viel zum Frieden der kleinen Seele bei.

Märchen sind nie zu absurd

Kinder im Vorschulalter können sehr viele Dinge noch nicht so begreifen, wie sie sind. Naturgesetze sind ihnen noch völlig fremd, Physik, Biologie und Mathematik weit von ihren kleinen Köpfen entfernt. Entsprechend müssen sie sich viele Dinge irgendwie erklären, wenn sie sie überhaupt hinterfragen. Und diese Erklärungen kommen dem magischen Geschehen in Märchen ziemlich nahe. Es wird problemlos hingenommen, dass der Froschkönig an die Wand geklatscht wird und sich in einen Prinzen verwandelt.

Tatsächlich gibt es so etwas wie ungeschrieben Regeln in der Märchenwelt: Als dritter Sohn scheint man zum Beispiel gute Karten zu haben, um Mitternacht geht der Spuk entweder los oder er ist vorbei, Tiere neigen dazu, den Helden zu helfen und so weiter… die Märchenwelt hat ihre eigenen Gesetze und ihre eigene Moral. Diese wiederkehrenden Elemente erkennen deine Kinder, wenn ihr öfter eine Märchenstunde abhaltet. Sie machen ihnen Spaß.

Kleine Person ganz groß

Däumling, Schneiderlein, der jüngste Sohn, die kleine Prinzessin usw. wirken klein und schwach, so wie eben auch ein kleines Kind. Andere Figuren in den Märchen pflegen sie zu unterschätzen, doch den Kleinen wohnt eine ungewöhnliche Stärke inne: Mit Geschick und Klugheit überwinden sie alle Hindernisse, lösen unangenehme Situationen auf und wenden alles zum Guten. Sie sind am Ende nicht nur ebenso gut, sondern besser als alle Großen und Starken, weil sie eine besondere Weisheit besitzen. Das hört jeder kleine Mensch gern.

Die schöne Situation beim Märchen lesen

Vor allem, wenn Du die Märchen als Gute-Nacht-Geschichten nutzt, verbindet dein Kind sie mit einer rundherum positiven Situation: Der Tag neigt sich dem Ende, es ist ein bisschen müde, liegt unter seiner kuscheligen Decke, vielleicht mit seinem Lieblingsstofftier im Arm, und Mama oder Papa (bzw. Oma, Opa etc.) nimmt sich die Zeit, ein Märchen vorzulesen oder zu erzählen. Das ist ein Moment, in dem das Kind sich komplett sicher fühlt und Aufmerksamkeit und Zeit bekommt.

Statt die großen alten Märchenbücher der Brüder Grimm zur Hand zu nehmen, kannst Du auch zu Bilderbüchern greifen. Es gibt sie in unzähligen Ausgaben zu allen möglichen Märchen. Es ist hilfreich, wenn Du vorliest, denn die Sprache der Brüder Grimm war zwar sehr klar, aber viele Wörter sind eben doch veraltet. Auch kann ein wahrer Kern in den harten Strafen stecken oder auch in dem Brauch, Mädchen, ohne ihre Zustimmung mit irgendjemandem zu verheiraten. Du kannst deinen Kindern beim gemeinsamen Lesen aber erzählen, dass das heute bei uns nicht mehr so ist.

Erzählen hat seinen eigenen Zauber

Vielleicht mögen es deine Kinder auch gern, wenn Du ihnen die Märchen erzählst? So kannst Du jedes Mal ein bisschen variieren, einen Punkt besonders hervorheben oder Szenen ausschmücken. Kennen deine Kinder die Märchen gut, werden sie ihren Spaß daran haben, die Abwandlungen herauszufinden. Der nächste Schritt ist, dass sie die Märchen selbst zu erzählen beginnen. Hörst Du ihnen genau zu, findest Du auch heraus, was genau es ist, das sie an der jeweiligen Geschichte besonders fasziniert. Ihr könnt daraus wunderschöne kleine Rituale machen.

Märchen sind längst überall

Wenn Du mit deinen Kindern Mädchen liest, lernen sie etwas kennen, das ihnen später überall im Alltag begegnen wird. Viele Aussprüche aus Märchen sind zu geflügelten Worten geworden – "Sesam, öffne dich" beispielsweise oder "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall". Ihr Leben lang werden deine Kinder Anspielungen auf Märchen finden, werden die Geschichten im Kino, im Theater und in der Oper neu aufbereitet sehen. Märchen gehören überall auf der Welt zum Kulturgut und sind stets tief mit dem Land und seiner Geschichte verwoben. Du trägst also zu ihrer Allgemeinbildung bei, wenn Du deinen Kindern Märchen vorliest.

Fazit: Märchen lesen tut Kindern gut

Mit dem Vorlesen oder Erzählen von Märchen eröffnest Du deinen Kindern eine Welt, die ihrer Fantasie sehr genau entspricht. Es mag sich ein wahrer Kern in den Geschichten verbergen, wichtiger ist aber die Tatsache, dass die klaren Regeln für Kinder beruhigend wirken: Das Gute siegt, das Böse unterliegt. Die Situation beim Vorlesen ist immer eine angenehme. Aber Achtung! Nicht alle Märchen eignen sich schon für kleine Kinder. Die Kunstmärchen von Hans Christian Andersen etwa enden häufig traurig, und besonders gruselige Grimm'sche Geschichte wie etwa "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" sind vielleicht auch nichts für Dreijährige. Ansonsten eignen sich Märchen super für eure abendlichen Vorlesestunden!